mit dem kaffee auf du

in düsseldorf gibt es inzwischen dreihunderttausend coffeeshops. für to go und auch für dableiben. von den dreihunderttausend sind mindestens zweihundertneunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig von woiton oder sternebucks. sie sehen – in so einer gross(s)tadt hat man ungemein viel viel/einfalt. ich wundere mich bis heute, dass noch niemand einen richtig schönen teesalon inmitten dieser kaffeewüste installiert hat. zurück zum kaffeethema.
gestern traue ich mich nun endlich in so ein ding rein. in der ecke, in der wir wohnen, hat nämlich vor kurzem der dreihunderttausendsteundeinste aufgemacht. im schaufenster sehe ich ein paar „ältere“ herrschaften und denke: „was die können, kann ich auch.“ ich habe zwar handy, laptop, m3player und piercing vergessen, aber ich nehme meinen mut zusammen und trete ein und gehe an die verkaufstheke.
„halöööööchen!. na, alles klar bei dir heute?“ ich fühle mich sofort sauwohl hier. „was willste haben?“
„haben sie noch ein vegetarisches butterbrot?“
„oh neee soorry. die sandwiches mit cheese und den vegetables sind alle. schaaadeee.“
zum glück habe ich im englischunterricht aufgepasst, sonst wüsste ich heute gar nicht, was ich da bestelle. ist manchmal nicht schlecht auf die eltern zu hören.
„ist nicht schlimm, dann nehme ich eins mit fisch, dann kann meine katze mitessen, falls es mir nicht schmeckt“
„oohh wiiee süüss. willste denn auch nen cooffii trinken?“
da der sommer mit aller macht nach vorne prescht, entscheide ich mich für ein kaltes cremgetränk. auch weil ich mich zwischen den small, mediums, larges, extralarges, mit und ohne milk, creme, in cup oder ohne cup nicht so recht entscheiden kann.
„na, dann nehme ich mal so ein carmelerfrischungsgetränk“
„mit oder ohne cream?“
weil ich auf dem abnehmenden ast bin, gönne ich mir dann mal den luxus und bestelle den schlag sahne mit oben d`rauf.
„wiiee heisstn du?“
„wozu brauchen sie meinen namen? soll ich ihnen auch meinen ausweis zeigen?“
„neeee, aber felix muss doch wissen, wer was bekommt.“
„karl-heinz“
sie nimmt sich einen schwarzen filzer und schreibt mit leicht `rausgestreckter zunge und leise nachsprechend karl heinz auf meinen schönen plastikbecher. dann sehe ich, wie felix den becher bis oben mit eiswürfeln füllt, aus einer flasche einen spritzer caramelaroma dazutut, das ganze in einen mixer zerkleinert, von dem ich nicht wissen möchte, was da vorher schon zerhackt worden ist und zu guter letzt aus einer sprühdose die sahne oben d`rauf sprüht. „heute ist mein gesundheitstag“ denke ich und bin froh, als ich mit becher und fischbutterbrot auf der strasse stehe.

ich mag diese lockerheit und fröhlichkeit in verbindung mit dieser distanzlosigkeit nicht, wenn sie nicht authentisch ist. dieses nachspielen einer firmenphilosophie und das transportieren einer anderen (verkaufs)kultur in einen rahmen, in dem es nicht passt. vor 20 jahren war ich in einem starbucks an der wallstreet. damals fand ich die art und weise faszinierend und erfrischend, weil sie sich seit dem konsequent entwickelt hat und in einen allgemeinen dienstleistungsgedanken eingebettet war. hier wirkt das konzept manchmal wie ein fremdkörper.
auch die distanzlosigkeit in form dieser penetranten duzerei nervt micht. abgesehen davon, dass ich ein eigenbrödler und einzelgänger bin, der seinen raum braucht. ich verstehe nicht, wie sich vor der türe alles siezt, das leben in der stadt im allgemeinen immer egoistischer wird, keiner mehr einen blick für den anderen hat und die emotionale distanz immer grösser wird. hinter der tür aber haben sich in (aus marketinggründen) alle lieb und sind auf „du und du“.  das befremdet mich.
ich freue mich auf meinen nächsten besuch in dem italienischen café nebenan, in dem ich mit dem inhaber und seiner frau, die hinter der theke stehen, ein ganz normales, nettes schwätzchen halten kann. ohne maske, ohne text und ohne bühne. allerdings ist es schwer dort einen platz zu finden …

7 Kommentare zu “mit dem kaffee auf du

  1. hallo herr schoss,

    schön sie mal wieder hier zu sehen – ich bin ein fleissiger leser ihrer beobachtungen und kann die neuen geschehnisse kaum erwarten.
    aber zurück zur gesundheit. selbstverständlich habe ich das zeug getrunken. immerhin war ja auch ein bisschen natur d`rin hoffe ich (die eiswürfel).

    schöne grüsse

    oliver beil

  2. lieber herr schoss,

    tapferkeit ist normalerweise auch nicht mein „ding“. das kettenkarussel(für kinder) ist das maximum auf der oberkasseler kirmes – aber man soll auch mal an seine grenzen gehen – und das habe ich hiermit getan.
    und was das kompliment angeht: sehr gerne und auch sehr ernst. ich finde den stil ihrer nachbarschaftsgeschichten richtig gut. ich rätsel noch über das ziel – oder ist es der weg? –
    können wir uns bald auf ein buch oder einen film freuen?
    herzliche grüsse
    oliver beil

  3. Werter Herr Beil, das haben Sie, in der Tat. Planen Sie weitere Herausforderungen in trendiger Kulinarik? Da soll man ja einiges erleben können, und zwar auf jedwedem Niveau, auch preislich. Und was das erdgeschossrechts betrifft: Weg und Ziel, ja beides, vor allem aber, dass es ist, und auch mich an manchen Tagen neu verblüfft. Buch, Film? Da freue ich mich doch mit Ihnen, Details hierzu sind mir jedoch noch nicht bekannt.
    Ihr Erdge Schoss

  4. lieber erge schoss,
    ich weiss nicht, ob ich psychisch stabil genug bin, mich der nächsten stufe zu stellen. es gäbe da ein paar kandidaten. aber vielleicht sollte man vorher eine art selbsthilfegruppe gründen – rein prophylaktisch?
    was ihr buch angeht: unbedingt. ihr stil ist gut!

    oliver beil ohne schleim

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